So, jetzt mal im Ernst. Was ist da los? Kaum sind ein paar Wochen vergangen, schon haut der Fußball-Riese Nike wieder ein brandneues Farben-Pack raus. Und was macht Adidas? Im Sommer erst auf X und Ace umgestellt, mit mittlerweile auch zahlreichen Farb-/Materialversionen, und schon wird das innovative neue Laceless Modell vorgestellt. OK, ein Traum für alle „Bootheadz“, aber wie geht der Rest der Fußball-Bevölkerung mit dieser Kickschuh-Flut um? Was steckt dahinter und welches Motiv verfolgen die Unternehmen?
Der Blick zurück:
Früher war es anders. Früher hast du dir den roten Lotto gegönnt, weil du so spielen wolltest wie Shevchenko zu Milan Zeiten. Verständlich. Das war ja schon ein Highlight. Generell aber waren die vorhandenen Modelle überschaubar. Klar, auch damals wurde der Markt von den beiden führenden Sportsfreunden Adidas und Nike dominiert.
Auf der einen Seite der Adidas Predator, das Zugpferd. Rot, schwarz, einfach Standard. Damit kann man nichts falsch machen. Natürlich gab’s auch da im Laufe der Zeit immer wieder neue Farb-Kombos, diese aber auch stets sehr nüchtern, in der Regel weiß, blau oder rot. Da erinnert man sich gerne an den weißen Beckham Predator. Damit warst du definitiv der Held auf dem Feld. Der F50 brachte dann schon langsam etwas Pfeffer ins Spiel, damals schon ein Hingucker mit den verdeckten Schnürsenkeln.
Auf der anderen Seite ganz offensichtlich der Nike Mercurial. Kaum ein
Schuh wird von der Fußball Community so zelebriert wie dieser. Groß geworden durch keinen geringeren als Ronaldo, den wahren Ronaldo. Nike wagte sich mit diesem Modell recht früh auf das Terrain der vielen Farbkombinationen. Vielleicht war er eben auch nur deshalb so interessant. Und gut, da gab’s dann auch noch den Tiempo, der heuer das 20-jährige Jubiläum feiert. Ein wahrer Klassiker.
In Summe also eine Hand voll guter Modelle, rechnet man noch den ein oder anderen Schuh von Puma, Lotto oder Umbro dazu. Die Farbkombinationen waren da, keine Frage, aber alles in überschaubarer Menge. Erst der Rückblick lässt den Eindruck erscheinen, dass die Farbpalette riesig war. Täuscht also etwas. Und die Releases hatten noch vernünftige Abstände. Ich jedenfalls hatte stets das Gefühl, dass irgendwo eine Korrelation bestand zwischen Release-Abständen und der Abnutzungserscheinung. Das ist heute anders.
Heute:
Heutzutage füllen sich die Regale nahezu wöchentlich mit neuen Kickschuhen. Zum einen gibt es fast jede denkbare Farbkombination, zum anderen wachsen die Modelle auch in die Tiefe. Je nach Preisklasse findet man mittlerweile circa 3-4 Ausführungen eines Modells. Hinzu kommt die Differenzierung nach Sohlenart (FG, AG und so weiter, ihr wisst Bescheid). Der Anblick der Schuhwand im Sportladen kann einen förmlich erschlagen. Es ist die Qual der Wahl. Auch Customization wird bei den Sportmarken schon seit einiger Zeit groß geschrieben. Nike ID und die MiAdidas Modelle sind wohl jedem bereits ein Begriff. Dies erlaubt dem Kunden seine Boots einfach selbst zu kreieren und hebt die Farbmöglichkeiten fast ins Unendliche. Klar, das ist zeitgemäß.
Schließlich haben die Sportartikelhersteller mit den sogenannten Packs offenbar ein neues Stilmittel gefunden. Während früher die einzelnen Modelle nach und nach und zeitlich voneinander getrennt aktualisiert wurden, bekommen heute stets alle Modelle bei einem Pack-Release ein neues Farb-/Materialupdate. Beispiel Nike: Liquid Chrome Pack hier, 2x Tech Kraft Collection da, Electro Flare Pack hier und achja Lightning Storm Pack auch noch. Und das alles innerhalb 4 Monaten, da ist noch nicht mal die Hälfte der Saison gespielt!? Die Release-Abstände sind also erschreckend kurz. Adidas verhält sich ebenso. Zuerst großer Umstieg auf die X und Ace Modelle, kurz drauf folgt schon die Primeknit Version. Kaum hat man sich an das Design der Schuhe gewöhnt, wird schon die nächste Generation an Boots mit dem Laceless Modell verkündet. Achja, Ronaldo und Messi haben ja auch noch ihren eigenen Schuh. Sind also noch zwei mehr zur Auswahl.

Unternehmensperspektive:
Ja das Motiv ist offensichtlich. Geld. Wohl kaum etwas generiert im Fußballsegment mehr Profit als Kickschuhe. Es ist daher verständlich, dass die Unternehmen große Ressourcen aufwenden, um die Innovation im Schuhgeschäft voranzutreiben. Vergleicht man die heutigen Modelle mit denen vor 10-15 Jahren, so fragt man sich, wie man überhaupt mit solchen spielen konnte. Der Innovationsgrad ist hoch. Ständig erreicht uns ein stabilerer, leichterer und bequemerer Schuh. Wie ist das überhaupt möglich, fragt man sich? Geht offenbar. Und wenn man es genau nimmt, spielen wir mittlerweile im Prinzip nur in „Socken mit Stollen“ dran.
In Zeiten der „Individualisierung“ ist auch die Erhöhung der Farbpaletten nachvollziehbar und mittlerweile wohl ein Pflichtangebot. Das kommt den Unternehmen natürlich sehr entgegen. Fragwürdig wird es in Sachen Release-Abstände. Sind die Produktlebenszyklen der Schuhe wirklich so kurz? Nein, wohl kaum. Viel eher wird der Produktlebenszyklus bewusst von der Unternehmensseite her gesteuert. Kaum hat ein Schuhmodell seine Reifephase erreicht, schon steht der nächste Pack-Release an. Die dadurch entstehende Parallele sichert den Unternehmen folglich mehr Umsatz als nur ein gesättigtes Produkt am Markt. BWL 1. Semester. Man kann den Unternehmen also keinen Vorwurf machen. Aus wirtschaftlicher Sicht agieren sie richtig. Die Nachfrage ist da und speziell in mitteleuropäischen Ländern auch die Kaufkraft. Nicht nur deshalb erreichen die Boots heutzutage schon Bestwerte von über 250 € pro Paar. Ganz schön deftig, wenn man überlegt, dass in 2-4 Monaten der Schuh Versionen-technisch bereits 4 mal veraltet ist. Hmm.

Kundenperspektive:
Aus der Sicht der Kunden ist die Kickschuh-Flut sowohl Segen als auch Fluch. Auf der einen Seite gibt es absolute Nerds in Sachen Fußballschuhe. Hier ist die Freude definitiv groß. Eine riesige Auswahl, eigene Kreationsmöglichkeiten, der Sammelfaktor und immer wieder gesicherter Nachschub. Man kann sich in diesem Bereich regelrecht selbst verwirklichen. Auf der anderen Seite, unverkennbar der Großteil, finden sich Millionen an Fußballern, Kindern aber auch einfach nur Konsumenten, die mit aller Wahrscheinlichkeit mit der Release-Systematik der Schuhmarken überfordert sind. „Stell dir vor, du kaufst einem 10-jährigen einen orangenen Hypervenom, weil er unbedingt so sein möchte wie Lewandowski. Keine 3 Spieltage später trägt Lewandowski aber die dunkelblaue Version aus dem Electro Flare Pack.“ Das sorgt für Verwirrung und Irritation. Wie erklärst du ihm das? Denn der Junge will von den Pack Releases nichts wissen, er will einfach nur so sein wie sein Idol. Ganz ehrlich, genau das ist ja das Urmotiv eines jeden Fußballers. Jeder will so sein wie die Profis. Und was die Profis haben oder tragen, will man eben auch, bewusst oder unbewusst. Ist einfach so. Hinzu kommt der soziale Druck in westlichen Gesellschaften: Man muss ja immer irgendwie das Neueste haben. Unnötig aber wahr. Durch die Schnelllebigkeit der Modelle werden eben genau diese Motive provoziert und ausgenutzt. Die Folge: Der Rubel rollt. Begleitet werden die Releases oft auch durch groß aufgeblähte Kampagnen. Wirkt manchmal so, als würde ein neuer Schuh erscheinen. Stimmt ja aber nicht, ist ja nur eine neue Farbe.
Naja, im Endeffekt muss jeder Kicker selbst wissen, mit welchem Werkzeug er unterwegs sein möchte. Klar, die Verlockung ist groß, stets auf dem aktuellsten Stand zu sein, rational ist es aber schon lange nicht mehr. Die Kickschuh-Flut ist gleichzeitig auch eine Reizüberflutung, sowie die gesamte Welt, in der wir leben. Womöglich ist genau dies auch ein Grund, warum die Unternehmen immer mehr Kollektionen raushauen. Man muss eben sicherstellen, dass man wahrgenommen wird, sonst ist man weg vom Fenster.
In diesem Sinne an alle Boot Nerds: Viel Spaß mit den aktuellen Releases. Es scheint, als liegt die beste Zeit in dieser Hinsicht noch vor uns. Und an alle anderen mit weniger Involvement: Fragt einfach einen Boot Nerd, im Idealfall die Jungs von Bootsblog. Hier findet ihr alles rund um das Thema Kickschuhe, Berichte, Insights und immer die aktuellsten Packs und Releases.
Bilder: Adidas/Lotto/Nike

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